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Veröffentlicht auf von benebon

Paul Auster

 

Mann im Dunkel

 

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„Das Leben ist enttäuschend, aber ich will trotzdem, dass du glücklich bist!“

August Brill lebt mit seiner Tochter und seiner Enkelin zusammen in einem Haus voller Schwermut und in dem Schlaf sehr kostbar zu sein scheint. August verlor seine Frau, weil sie an Krebs starb und hatte wenig später einen Autounfall, bei dem er sein Bein so zertrümmerte, dass es ihm sehr schwerfällt zu gehen. Bemerkenswert ist, dass seine Tochter den einstigen Lebemann keinesfalls aus Mitleid bei sich aufnimmt, sondern weil sie ihn braucht. Sie wünscht sich jemanden, der da ist, sie einfach in den Arm nimmt und mit ihr spricht. Sie leidet unter der Scheidung von dem Vater ihrer einzigen Tochter. Sie hat schwer mit den Beschimpfungen zu kämpfen, die ihr Ex-Mann ihr im Streit an den Kopf geworfen hat. Außerdem spürt sie das Unglück ihrer Tochter und fühlt sich schrecklich hilflos. Diese hat ihr Studium unterbrochen, weil sie den Tod ihres Freundes kaum verkraften kann. Sie sucht Zuflucht in einer anderen Realität, indem sie mit ihrem Großvater stundenlang Filme ansieht und diese mit ihm analysiert und deutet. Sie braucht einfach etwas, das sie die grauenhaften Bilder in ihrem Kopf vergessen lässt. Die beiden sitzen auf dem Sofa und rauchen eine Zigarette nach der anderen und diskutieren angeregt über das soeben Gesehene. Das Entscheidende ist allerdings, dass August Brill, der Mann im Dunkel, einfach nicht schlafen kann. Er liegt in seinem Bett und beginnt sich Geschichten auszudenken, Geschichten, die er sich im Kopf selbst erzählt, damit die Nacht vergeht. Er ist ein angesehener Literaturkritiker und so liest er zwischendurch noch das Skript seiner Tochter, die gerade an einer Biographie schreibt, da sie ihn um seinen Rat gebeten hat. Zunächst lässt es ihn kalt, was er da liest, doch das Zitat „Und die wunderliche Welt dreht sich weiter“, geht ihm nicht mehr aus dem Kopf und mehr und mehr findet er Gefallen an der Arbeit seiner Tochter. Doch nach kurzen Leseproben kehrt er immer wieder zu seiner Geschichte zurück: „ Ein junger Mann erwacht in einem tiefen Erdloch. Schließlich befreit ihn ein Uniformierter und gibt ihm nebst einer geladenen Pistole den Auftrag, jenen alten Mann zu erschießen, dessen  Kopf diese wundersam verkehrte Welt entspringt: ein Amerika im Krieg gegen sich selbst, ein Land, in dem der 11. September ein Tag ist wie jeder andere….“ August steckt mitten in seiner Geschichte, als sich seine Enkelin zu ihm ins Bett kuschelt, auch sie ist schlaflos und will viel über seine Vergangenheit wissen. Zuerst beginnt er zögerlich, da er sich mit all seinen erdachten Geschichten versucht, von dem Tod seiner Frau abzulenken, aber schließlich taut er auf. Am Morgen stößt dann noch seine Tochter dazu. Und in dem Trauerhaus scheint neues Leben zu sprießen. August plant nämlich eine Reise mit den beiden, irgendwohin, hinaus aus der Trauer.

  

Paul Auster führt uns durch eine Nacht voller Geschichten. Jede einzelne leitet eine neue ein, was eine solche Spannung aufbaut, dass man dieses Buch ruhig mehrmals lesen sollte. Realität und Phantasie verschmelzen ineinander und es wird deutlich, dass es ohne Geschichten nicht geht. August nimmt keine Drogen und trinkt nicht (mehr), er erzählt sich Geschichten. In ein Haus, in dem nur Trauernde wohnen, kehrt so viel Wärme ein, weil es keine lahmen Aufmunterungsversuche gibt. Man akzeptiert und teilt das Unglück des anderen. Paul Auster macht klar: ja, das Leben ist sehr wohl enttäuschend, aber man kann trotzdem glücklich sein.

 

„Ein kleines, turbulentes, erotisches Meisterwerk!" - Die Zeit

Veröffentlicht in Meet Mr.Kitsch at the library

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